Hygge
Kerzenlicht, dicke Wolldecken und ein Sofa, das man nicht mehr verlassen möchte: Hygge ist kein Einrichtungsstil im klassischen Sinne, sondern ein Gefühl von Geborgenheit — mit Holz, Leinen und ganz viel warmem Licht.

Woher kommt Hygge eigentlich?
Das Wort wird heute vor allem mit Dänemark verbunden. Seine sprachlichen Wurzeln liegen allerdings im Norwegischen und drehen sich sinngemäß um Wohlbefinden, Geborgenheit und das Gefühl, geschützt und angenehm aufgehoben zu sein. In Dänemark entwickelte sich Hygge über die Zeit zu einem festen Bestandteil des Alltags. Und wenn man sich das Klima anschaut, ergibt das plötzlich erstaunlich viel Sinn. Skandinavische Winter sind lang. Es wird früh dunkel, draußen ist es kalt und Regen hat dort vermutlich irgendwann einfach einen festen Wohnsitz angemeldet. Was macht man also? Man erklärt das Zuhause kurzerhand zum besten Ort der Welt. Statt den Winter zu bekämpfen, macht man es sich mit Kerzen, warmem Licht, Freunden, Kaffee, gutem Essen und weichen Decken gemütlich. Das ist Hygge. Eigentlich ziemlich clever. Während wir bei schlechtem Wetter gerne fünfmal täglich feststellen, dass das Wetter schlecht ist, haben die Dänen beschlossen: „Gut. Dann machen wir eben Kerzen an."

Wie sieht Hygge aus?
Wer Hygge als Einrichtungsstil übersetzen möchte, landet schnell bei natürlichen Materialien, sanften Farben und sehr viel Textur. Holz spielt eine Hauptrolle. Am besten helles oder warmes Holz, das nicht aussieht, als wäre es zehnmal mit Hochglanzlack versiegelt worden. Dazu kommen Leinen, Wolle, Baumwolle, Keramik, geflochtene Körbe und dicke Teppiche. Die Farbpalette ist meistens ruhig. Creme, Beige, warmes Weiß, Greige, Taupe, helles Braun und gelegentlich gedeckte Grün- oder Grautöne. Das klingt zunächst ein bisschen nach „50 Shades of Hafermilch". Aber der Unterschied liegt in den Materialien. Ein Hygge-Raum lebt nicht davon, dass alles dieselbe Farbe hat. Er lebt davon, dass unterschiedliche Oberflächen miteinander spielen. Ein grober Wollteppich neben glattem Holz. Eine zerknitterte Leinendecke auf einem weichen Sofa. Keramik neben einem geflochtenen Korb. Plötzlich wird Beige interessant. Ja, das geht tatsächlich.

Licht ist wichtiger als fast alles andere
Wenn es ein geheimes Hygge-Rezept gibt, dann ist es Licht. Und zwar nicht das Licht einer einsamen Deckenlampe, die einen Raum mit der Stimmung eines Wartezimmers beim Zahnarzt versieht. Hygge liebt Lichtquellen. Tischlampen, Stehlampen, kleine Wandleuchten, Kerzen, Laternen. Am besten mehrere davon. Das Licht sollte warm sein und nicht jeden Winkel des Raumes komplett ausleuchten. Schatten gehören dazu. Ein Wohnzimmer wirkt sofort gemütlicher, wenn nicht alles mit 4.000 Lumen brutal ausgeleuchtet wird. Eine kleine Lampe auf dem Sideboard, zwei Kerzen auf dem Tisch und vielleicht noch ein Feuer im Kamin schaffen verschiedene Lichtinseln. Und genau diese Lichtinseln machen einen Raum interessant. Es fühlt sich automatisch intimer an.

Das Wohnzimmer: Hygge-Hauptquartier
Das Wohnzimmer ist vermutlich der natürlichste Ort für Hygge. Ein großes Sofa, viele Kissen, eine Decke, die eigentlich permanent irgendwo herumliegt, und ein Couchtisch aus Holz – fertig ist zumindest die Basis. Dann kommen die kleinen Dinge. Eine Kerze. Eine Tasse. Ein paar Bücher. Vielleicht eine Vase mit Zweigen. Und natürlich ein Teppich. Ein Wohnzimmer ohne Teppich kann wunderschön sein. Aber ein Hygge-Wohnzimmer ohne Teppich fühlt sich ein bisschen an wie Weihnachten ohne Plätzchen. Technisch möglich. Aber warum sollte man? Der Teppich verbindet Möbel optisch miteinander und nimmt dem Raum Härte. Gerade grobe Wollteppiche oder handgewebte Modelle funktionieren hervorragend.

Und der Esstisch?
Hygge liebt gemeinsame Momente. Deshalb passt ein großer Holztisch perfekt. Nicht unbedingt perfekt lackiert. Nicht unbedingt makellos. Vielleicht sogar mit kleinen Kratzern. Denn Hygge ist kein Stil, bei dem man Panik bekommt, wenn jemand seine Kaffeetasse ohne Untersetzer abstellt. Das wäre wahrscheinlich das Gegenteil von Hygge. Der Esstisch soll benutzt werden. Hier wird gegessen, geredet und irgendwann diskutiert jemand darüber, ob man noch eine Flasche Wein öffnen sollte. Spoiler: Natürlich sollte man. Über dem Tisch funktionieren große Pendelleuchten wunderbar. Sie ziehen den Raum optisch zusammen und schaffen eine intime Zone. Ein paar Kerzen dazu und schon sieht selbst ein Dienstagabend plötzlich aus, als hätte jemand einen skandinavischen Weihnachtswerbespot gedreht.

Das Schlafzimmer darf aussehen, als würde dort tatsächlich jemand schlafen
Das klingt banal. Ist es aber nicht. Viele Schlafzimmer sehen auf Bildern so perfekt aus, dass man Angst bekommt, sich überhaupt auf das Bett zu setzen. Hygge mag es etwas lockerer. Leinenbettwäsche darf Falten haben. Eine Strickdecke darf halb über die Bettkante hängen. Kissen dürfen unterschiedlich groß sein. Es soll einladend aussehen. Nicht ausgestellt. Genau deshalb wirken Hygge-Schlafzimmer oft so angenehm. Sie sagen nicht: „Bitte nichts anfassen." Sie sagen: „Leg dich hin." Ein ziemlich gutes Konzept für ein Schlafzimmer.

Der Flur wird häufig vergessen
Dabei entscheidet der Flur innerhalb weniger Sekunden darüber, wie sich eine Wohnung anfühlt. Ein Hygge-Flur braucht keine große Inszenierung. Eine Holzbank, ein weicher Läufer, ein Korb, eine warme Lampe und vielleicht eine Pflanze reichen vollkommen. Auch hier gilt: lieber wenige gute Dinge als zwanzig kleine Dekorationen. Hygge ist gemütlich. Nicht vollgestellt. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Und sogar der Balkon kann Hygge
Vielleicht sogar besonders gut. Eine kleine Bank, Kissen, ein Outdoor-Teppich, Pflanzen und ein paar Laternen können aus fünf Quadratmetern Beton plötzlich einen Lieblingsplatz machen. Lichterketten helfen ebenfalls. Ja, Lichterketten können kitschig sein. Aber bei Hygge bekommen sie diplomatische Immunität. Ein Balkon am Abend, eine Decke, eine Kerze auf dem Tisch und irgendwo ein Glas Wein – mehr muss manchmal gar nicht passieren. Und genau darum geht es.

Hygge ist eigentlich ein Gegenentwurf
Wir leben in einer Welt, in der ständig alles schneller, effizienter und perfekter werden soll. Hygge ist überraschend uninteressiert daran. Es geht nicht darum, das beeindruckendste Wohnzimmer zu besitzen. Es geht darum, dass man sich darin gerne aufhält. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber erstaunlich oft nicht. Hygge erinnert uns daran, dass ein Zuhause nicht nur gut aussehen sollte. Es sollte sich gut anfühlen. Ein bisschen warm. Ein bisschen unperfekt. Vielleicht sogar ein bisschen nostalgisch. Wie Sonntagnachmittag bei den Großeltern, wenn draußen Regen gegen das Fenster schlägt, irgendwo Kaffee gekocht wird und für ein paar Stunden nichts besonders Wichtiges passieren muss. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Hygge nie wirklich altmodisch wird. Denn Trends verändern sich. Das Bedürfnis nach einem Ort, an dem man gerne bleibt, vermutlich nicht.

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