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Wishbone Chair
1949 (Dänische Moderne)

Wishbone Chair

Hans J. WegnerCarl Hansen & Søn, Dänemark

Ein gebogener Eichenrahmen, eine handgeflochtene Papierschnur-Sitzfläche und eine Rückenlehne, die aussieht wie ein Gabelbein — der Wishbone Chair ist seit 1949 einer der meistkopierten und zugleich meistproduzierten Stühle der Designgeschichte.

Mehr als ein Esszimmerstuhl

Manche Stühle erkennt man an einem einzigen Detail wieder. Beim Wishbone Chair ist es die Y-förmige Strebe, die sich von der geschwungenen Rückenlehne bis zur Sitzfläche zieht und dem Stuhl seinen Namen gibt. Seit seiner Vorstellung 1949 ist dieser Entwurf des dänischen Designers Hans J. Wegner zu einem der meistproduzierten Designerstühle überhaupt geworden — ein seltener Fall, in dem ein Möbelstück gleichzeitig als Design-Ikone gilt und in enormen Stückzahlen für den alltäglichen Gebrauch gefertigt wird, ohne dabei an Anspruch zu verlieren.

Von chinesischen Porträts inspiriert

Wegner entwickelte den Wishbone Chair als Teil seiner sogenannten „China Chairs"-Serie, die von Porträtgemälden dänischer Kaufleute inspiriert war, die auf Stühlen im Stil der chinesischen Ming-Dynastie saßen. Fasziniert von der Klarheit und Eleganz dieser jahrhundertealten Möbeltradition, reduzierte Wegner die Form über mehrere Entwürfe hinweg immer weiter, bis nur noch die wesentlichen strukturellen Linien übrig blieben. Der Wishbone Chair, ursprünglich als CH24 bezeichnet, war das Ergebnis dieses Verfeinerungsprozesses — eine westliche Neuinterpretation eines östlichen Vorbilds, komplett übersetzt in die Formsprache der dänischen Moderne.

Handwerk aus Papierschnur

Was den Wishbone Chair konstruktiv besonders macht, ist seine Sitzfläche: Statt Polster oder massivem Holz besteht sie aus handgeflochtener Papierschnur — einem Material, das Wegner aus Materialknappheit im Nachkriegseuropa wählte und das sich bis heute als überraschend robust und angenehm erwiesen hat. Für jeden Stuhl werden etwa 120 Meter Papierschnur von Hand in einem komplexen, sich wiederholenden Muster verwebt, ein Vorgang, der bei Carl Hansen & Søn auch heute noch von geschulten Handwerkern ausgeführt wird und je nach Erfahrung rund eine Stunde pro Stuhl in Anspruch nimmt.

Dänische Moderne und Wegners Vermächtnis

Hans J. Wegner gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der Dänischen Moderne, einer Bewegung der 1940er- und 1950er-Jahre, die handwerkliche Tischlertradition mit funktionalistischem Denken verband. Über seine Karriere hinweg entwarf Wegner mehr als 500 Stühle, von denen viele — darunter der Round Chair und der Peacock Chair — heute als Klassiker gelten. Doch der Wishbone Chair blieb sein kommerziell erfolgreichstes und meistproduziertes Werk, ein Stuhl, der Wegners Überzeugung verkörpert, dass gutes Design keine Kompromisse zwischen Schönheit, Komfort und Herstellbarkeit erfordern sollte.

Seit 1950 ununterbrochen gefertigt

Seit Carl Hansen & Søn die Produktion 1950 aufnahm, wird der Wishbone Chair ohne Unterbrechung gefertigt — mittlerweile über 70 Jahre am Stück, was ihn zu einem der am längsten durchgehend produzierten Designerstühle der Welt macht. Er wird heute in mehreren Holzarten (Eiche, Buche, Nussbaum) und einer breiten Palette an Papierschnur- und Sitzfarben angeboten. Diese ununterbrochene Fertigung, kombiniert mit seiner enormen Popularität, hat allerdings auch zu einer Flut an nicht lizenzierten Nachbauten geführt — ein Umstand, der paradoxerweise selbst zum Beweis seines Designerfolgs geworden ist.

Ein Klassiker für Japandi und Mid-Century

Der Wishbone Chair funktioniert in erstaunlich vielen stilistischen Kontexten, doch am natürlichsten fügt er sich in zwei Richtungen ein: Mid-Century-Interiors, wo er neben Nussbaummöbeln und warmen Erdtönen seine dänische Herkunft unterstreicht, und Japandi-Räume, deren reduzierte, materialbetonte Ästhetik direkt an Wegners Designphilosophie anknüpft. In beiden Fällen liegt der Reiz in derselben Eigenschaft: Der Stuhl wirkt gleichzeitig leicht und substanziell, dekorativ und funktional — Eigenschaften, die sowohl Mid-Century- als auch Japandi-Räume auszeichnen.

Der Wishbone Chair im heutigen Interior

Am häufigsten taucht der Wishbone Chair rund um den Esstisch auf, oft in Sets von vier oder sechs, wo seine leichte, luftige Silhouette selbst kleinere Essbereiche nicht erdrückt. Doch er funktioniert ebenso als einzelner Akzentstuhl in einer Leseecke oder am Schreibtisch. Eine gemischte Anordnung aus mehreren Holztönen oder Papierschnurfarben um einen Tisch herum ist mittlerweile ein beliebter Kniff, um die serielle Eleganz des Stuhls bewusst aufzubrechen und ihm eine persönlichere, gesammelte Note zu geben.

Ateliology Style Verdict

Der Wishbone Chair beweist, dass radikale Reduktion und Massenproduktion einander nicht ausschließen müssen. Aus einer Inspiration in einem jahrhundertealten chinesischen Porträt entstand ein Stuhl, der seit über 70 Jahren ohne Unterbrechung gefertigt wird und dabei nie an Relevanz verloren hat. Diese Kombination aus handwerklicher Sorgfalt, klarer Formsprache und erwiesener Langlebigkeit macht den Wishbone Chair zu einem echten Style Piece.