PK22 Lounge Chair
Poul Kjærholm — Fritz Hansen, Dänemark
Ein flaches Gestell aus mattiertem Stahl trägt ein schwebendes Sitzgeflecht aus Peddigrohr: Der PK22 von Poul Kjærholm brach 1956 bewusst mit der warmen Holztradition des dänischen Möbelbaus und setzte stattdessen auf industrielle Materialien in ihrer reinsten Form.
Der Außenseiter der dänischen Moderne
Als Poul Kjærholm den PK22 im Jahr 1956 entwarf, dominierten in Dänemark Designer wie Hans Wegner und Finn Juhl, deren Möbel vor allem warmes, sichtbar handwerklich bearbeitetes Massivholz feierten. Kjærholm, der ursprünglich als Tischler ausgebildet worden war, wählte einen anderen Weg: Er interessierte sich für industrielle Materialien wie Stahl, Glas und Marmor und für die Präzision des Maschinenbaus mehr als für die sichtbare Handschrift des Tischlerhandwerks. Der PK22, produziert zunächst von E. Kold Christensen und heute von Fritz Hansen, wurde damit zu einem bewussten Gegenentwurf innerhalb der eigenen Designnation.
Ein flaches Stahlband als komplette Konstruktion
Die Konstruktion des PK22 ist auf das Nötigste reduziert: Ein einziges, gebogenes Flachstahlprofil bildet sowohl die vier Beine als auch die Armlehnen in einem durchgehenden Bauteil, ergänzt durch ein zweites Element für Sitz und Rücken. Darauf liegt lose ein handgeflochtenes Sitzgeflecht aus Peddigrohr oder wahlweise Leder, das förmlich über dem Stahlgestell zu schweben scheint. Diese Konstruktion erforderte eine für die 1950er-Jahre außergewöhnlich hohe Fertigungspräzision, da das Flachstahlprofil exakt gebogen sein musste, um Stabilität ohne zusätzliche Verstrebungen zu gewährleisten.
Industrial Elegance statt Scandinavian Warmth
Stilistisch lässt sich der PK22 kaum in die gängige Vorstellung von "Scandinavian Design" mit warmem Teakholz und organischen Formen einordnen — er gehört eher zu einer parallelen Strömung, die man als "Industrial Elegance" bezeichnen könnte: reduzierte, fast mathematisch anmutende Formen aus kühlem Material, kombiniert mit einem einzigen natürlichen Element wie dem Peddigrohr, das dem Ganzen Wärme zurückgibt. Diese Materialkombination aus Industrie und Natur nimmt Ideen vorweg, die später auch bei Möbeln von Le Corbusier und in der Brutalismus-Bewegung eine Rolle spielten.
Warum die niedrige Silhouette den Raum öffnet
Mit einer Sitzhöhe von nur rund 33 Zentimetern gehört der PK22 zu den niedrigsten Loungesesseln der Designgeschichte — eine bewusste architektonische Entscheidung, die den Sessel fast zu einem Bodenmöbel macht. In Kombination mit dem transparenten Stahlgestell entsteht dadurch der Eindruck, der Raum bliebe über dem Sessel visuell offen, was besonders in kleineren oder niedrigen Räumen eine deutlich luftigere Wirkung erzeugt als ein hochlehniger, massiver Sessel.
Der PK22 im Stil-Mix
Der PK22 funktioniert hervorragend neben Brutalismus-Materialien wie Sichtbeton und Naturstein, weil beide dieselbe Wertschätzung für unverkleidete, ehrliche Materialität teilen. In einem Modern-Luxury-Raum mit Marmor und Messing wirkt sein mattes Stahlgestell zurückhaltend elegant, und neben historisierenden Möbeln wie einer Louis-XVI-Bergère entsteht ein reizvoller Zeitsprung zwischen höfischem Handwerk und industrieller Moderne. Auch in einem Japandi-Interior fügt sich der Sessel durch seine niedrige, ruhige Silhouette und das Naturmaterial Peddigrohr überraschend nahtlos ein.
Ateliology Style Verdict
Der PK22 beweist, dass dänisches Design nicht zwangsläufig warmes Holz bedeuten muss. Poul Kjærholms konsequente Reduktion auf Stahl, Peddigrohr und eine einzige durchgehende Linie machte ihn zu einem der kompromisslosesten Möbelstücke seiner Zeit — und zu einem Style Piece, das kühle Präzision und Wärme in perfekter Balance hält.