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Nuage-Regalsystem
1952–1956 (klassische Moderne)

Nuage-Regalsystem

Charlotte PerriandCassina, Italien (Lizenzfertigung)

Ein Regal, das nicht als starrer Block wirkt, sondern als schwebende, unregelmäßige Wolke aus Holzfächern: Charlotte Perriands Nuage-System entstand in den 1950er-Jahren für ihre eigene Wohnung — und zeigt, dass Stauraum auch skulptural gedacht werden kann.

Entworfen für die eigenen vier Wände

Charlotte Perriand, die zuvor eng mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret zusammengearbeitet hatte, entwickelte das Nuage-Regal ("nuage" = französisch für Wolke) zwischen 1952 und 1956 zunächst für ihre eigene Pariser Wohnung. Nach ihrer Zeit als Möbeldesignerin im Team von Le Corbusier arbeitete Perriand zunehmend eigenständig und mit einer stärker organischen, weniger streng geometrischen Formensprache — eine Entwicklung, die sich auch in ihren Aufenthalten in Japan niederschlug, wo sie in den 1940er-Jahren als Designberaterin tätig war.

Ein Baukastensystem ohne feste Symmetrie

Das Regal besteht aus einem modularen System offener und geschlossener Holzfächer unterschiedlicher Größe, die versetzt und asymmetrisch zueinander angeordnet werden können, statt in einem starren, symmetrischen Raster zu stehen. Diese Modularität erlaubte es, das Regal exakt an unterschiedliche Wandflächen, Raumhöhen und Aufbewahrungsbedürfnisse anzupassen — ein für die 1950er-Jahre fortschrittliches Konzept individueller Konfigurierbarkeit, das erst Jahrzehnte später zum Standard im Möbeldesign wurde.

Japanischer Einfluss auf europäische Moderne

Die versetzte, asymmetrische Anordnung des Nuage-Systems lässt sich stilistisch auch als Einfluss japanischer Gestaltungsprinzipien lesen, mit denen sich Perriand während ihrer Zeit in Japan intensiv auseinandersetzte — etwa dem Prinzip bewusst ungleichmäßiger, aber dennoch ausbalancierter Kompositionen, wie sie in traditioneller japanischer Architektur und Raumteilung vorkommen. Diese Verschmelzung aus europäischem Funktionalismus und japanischer Asymmetrie macht Perriands späteres Werk stilistisch eigenständig gegenüber ihrer früheren, strenger geometrischen Arbeit mit Le Corbusier.

Stauraum als Wandskulptur

Weil die einzelnen Fächer nicht bündig, sondern in unterschiedlichen Tiefen und Höhen zueinander versetzt montiert werden, wirft das Regal je nach Lichteinfall changierende Schatten und wirkt dadurch weniger wie ein reines Aufbewahrungsmöbel als wie eine dreidimensionale Wandkomposition. Dieser skulpturale Charakter macht das Nuage-Regal zu einem seltenen Beispiel dafür, wie funktionaler Stauraum selbst zum ästhetischen Hauptdarsteller eines Raumes werden kann, statt sich dezent im Hintergrund zu halten.

Das Nuage-Regal im Stil-Mix

Das Regal funktioniert besonders gut in Räumen, die ohnehin auf ruhige, natürliche Materialien setzen: In einem Japandi-Wohnzimmer unterstreicht es die dort ohnehin gewünschte Balance aus Reduktion und Naturmaterial, in einem Modern-Organic-Raum mit Kalkputz und Naturstein liefert es eine warme Holzstruktur, und neben Vintage-Möbeln aus unterschiedlichen Epochen dient es als flexible, unaufdringliche Bühne für Bücher, Kunstobjekte und persönliche Sammlungen.

Ateliology Style Verdict

Das Nuage-Regal beweist, dass Stauraum niemals bloß funktional gedacht werden muss. Charlotte Perriands Verbindung aus modularer Flexibilität und bewusster Asymmetrie macht es zu einem der skulpturalsten Style Pieces der Möbelmoderne — ein Regal, das selbst ohne Bücher schon ein Kunstwerk ist.